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Das eine Mädel da
 

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63 Tage

63 Tage

Es war ein ganz normaler Vormittag anfang November. Genauer gesagt am 07. November. Er ging zur Schule. Kam nach Hause. Stellte seine Tasche ab. Seine Wohnung war leer, wie immer. Er würde bald Abschluss machen. Dann würde er wegziehen, weg in eine weniger trostlose Gegend. In der die Nachbarn nicht ganz so freundlich waren, ihn vielleicht sogar grüßten, und nicht stur vorbei rannten. Das war sein Plan. Als er sich aber, wie immer, mit einem Kaffee in der Hand auf das Fensterbrett in der Küche setzte, von dem aus er einen wunderschönen Ausblick auf die dreckige, dunkle Straße unter ihm hatte, begann der Tag nicht mehr ganz so normal zu werden. Er sah die Straße entlang, ein paar Menschen eilten vorbei, die Schultern hoch gezogen und dicke Mützen auf den Köpfen, die sie vor dem kalten, beißenden Herbstwind schützen sollten. Sein Blick wanderte an dem Haus gegenüber hinauf. In einigen Fenstern sah er Menschen, ein streitendes Pärchen, ein paar Kinder, Leute, die zu Mittag aßen. Ein paar Fenster waren auch dunkel, nicht alle Wohnungen waren bewohnt. So wie die hinter dem Fenster gegenüber von seinem. Aber anscheinend war sie nicht mehr unbewohnt. Es brannte Licht. Er konnte direkt in die Wohnung hinein sehen. Es stand eine Pflanze neben dem Fenster, deren Blätter er sehen konnte. Nicht, das er sie wahrgenommen hätte. Seine Aufmerksamkeit galt dem Mädchen, das auf dem Fensterbrett saß. Sie saß da, den Blick in den Himmel gerichtet. Ihre Haare waren zu einem lockeren Knoten zusammengebunden, sie trug einen etwas zu großen, dünnen Wollpullover und dunkle Jeans. Er sah sie an, war völlig in ihren Bann gezogen, als sie ihm plötzlich das Gesicht zuwandte und er direkt ihn ihre wunderschönen, dunklen Augen sehen konnte. So saßen sie da, ihrem Gegenüber in die Augen schauend. Nur getrennt von der breiten Straße unter ihnen und den Glasscheiben vor ihnen. Das Mädchen begann zu lächeln. Es war wunderschön und er war für einen Moment so überwältigt, dass er beinahe vergaß zurück zu lächeln. Er wollte gar nicht mehr aufhören sie anzusehen, wurde jedoch von dem Kaffee in seiner Hand, der sich seinen Weg über den gekippten Rand der Tasse über seine Hand auf sein Hemd bahnte dazu gezwungen. Er schreckte hoch und fluchte leise. Als er wieder zu dem Mädchen sah, sah er, dass sie lachte. Sie hielt sich ihre zarte Hand vor ihren Mund und kicherte. Er konnte sie nicht hören, aber er stellte sich ihr Lachen vor. Er begann zu lächeln. Da deutete das Mädchen auf ihn und dann auf ihren Bauch. Er sah an sich hinunter und winkte ihr zu, dann drehte er sich um und ging um sich umzuziehen.

Am nächsten Tag als er nach Hause kam, eilte er direkt zum Fenster um festzustellen, dass sie nicht da war. Enttäuscht drehte er sich um und machte sich einen Kaffee. Er beschloss auf sie zu warten. Das war aber gar nicht nötig, denn als er wieder zum Fenster ging sah er sie, auf ihrer Fensterbank sitzend, ihre Haare dieses Mal offen über ihren Schultern hängend. Er lächelte, und als sie ihn sah, begann auch sie zu lächeln. Er wollte sich gerade setzen, da kam ihm eine Idee. Er signalisierte ihr, dass er gleich wieder da sein werde. Sie nickte und er rannte ins Wohnzimmer. Er kam mit einem Block und einem schwarzen Marker wieder. Er setzte sich, öffnete den Block, schrieb etwas darauf und hielt ihn ans Fenster.

„Hallo“

Sie lächelte, stand auf, kam ebenfalls mit einem Block zurück und ‚antwortete‘:

„Hey“

„Wie geht´s dir?“

„Naja, soweit ganz gut.“

„Seit wann wohnst du hier?“

„Noch nicht so lang. Wahrscheinlich bleib ich aber auch nicht besonders lange“

Er runzelte die Stirn.

„Was? Warum nicht?“

„Ist nicht so wichtig. Ich bleib noch…“

Er sah wie sie sich mit dem Stift an die Lippen tippte und überlegte. Dann setzte sie den Stift wieder aufs Papier und zögerte noch einmal kurz.

„…63 Tage“

„Kann man da was ändern?“

Sie lächelte traurig und schüttelte den Kopf. Dann schrieb sie wieder etwas.

„63“

Er legte den Kopf schief und sah sie fragend an. Sie lächelte erneut traurig, legte den Block ab und winkte. Dann stand sie auf und verschwand aus seinem Blickfeld. Er starrte noch eine Weile in ihre Wohnung, dann stand er auf und ging in sein Arbeitszimmer. Seinen kalt gewordenen Kaffee schüttete er weg.

 

Sie wiederholten das jeden Tag. Innerhalb weniger Wochen wurde es draußen noch kälter, es begann zu schneien. Jeden Tag hielt sie zum Abschied eine andere Zahl hoch, abwärts zählend. Sie war nun bereits bei 18 angekommen, noch zwei Tage bis Weihnachten.

Am Heiligen Abend stieg er mit einem Lächeln die Stufen zu seiner Wohnung hinauf. Es war schon spät abends, er hatte ihr ein kleines Geschenk besorgt und in den Briefkasten geworfen. Als er seinen eigenen prüfte, lag dort tatsächlich ein kleines Päckchen in rotem Geschenkpapier eingewickelt. Er wusste, dass es von ihr war. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte ging er zum Fensterbrett und nahm den Block, der davor auf dem Boden lag, legte ihn in seinem Schoß ab und schaute zu ihrem Fenster. Sie kam gerade, noch ihre Wollmütze auf dem Kopf, geschmolzene Schneeflocken in ihren Haaren die im Licht glitzerten, mit geröteter Nase und sein Päckchen in der Hand. Sie sah ihn an und hielt es hoch. Er lächelte und hob seines ebenfalls. Sie setzte sich und hielt drei Finger hoch. Er nickte und sie begann abzuzählen. Als sie alle Finger drunten hatte, wandte sie sich dem kleinen Päckchen zu und begann es zu öffnen. Er zog ebenfalls an dem Band, das Deckel und Schachtel zusammenhielt. Sie hoben gleichzeitig den Deckel hoch, und gleichzeitig weiteten sich ihre Augen. Während sie ein zartes Kettchen durch ihre schmalen Finger gleiten ließ, hielt er ein dunkles Lederband hoch. An den beiden Ketten baumelten Anhänger, an seiner das weiße Yang und an ihrer das schwarze Yin. Sie sahen sich an und begannen zu lachen. Sie legten die Ketten um und betrachteten sie glücklich.

Es war mittlerweile der letzte Tag des Jahres, das heißt, der erste des neuen gekommen, und sie saßen mitten in der Nacht auf ihren Fensterbänken und schrieben. Als sie sich verabschiedeten, hielt sie wieder eine Zahl hoch.

„7“

Er lächelte tapfer, bis sie verschwunden war. Dann bogen sich seine Mundwinkel nach unten und Tränen stiegen in seine Augen. Er wollte sie zurückhalten, aber sie rollten unaufhaltsam seine Wangen hinab. Unaufhaltsam war auch das Mädchen.

05. Januar. 3 Tage.

06. Januar. 2 Tage.

07. Januar. Letzter Tag.

Am 07. Januar starrte er auf die Zahl. 1. Zwei simple Striche. Und doch so unendlich schmerzhaft. Mit zitternden Fingern schrieb er:

„Warum?“

Während sie las begannen ihre Hände mit der schmerzhaften Zahl zu zittern.

„Es tut mir Leid“

Durch seinen verschwommenen Blick sah er, dass sie ebenfalls zu weinen begonnen hatte. Sie berührte den Anhänger ihrer Kette, er tat es ihr nach. Dann stand sie auf und ging. Er weinte.

 

Am nächsten Tag wollte er nicht zum Fenster. Wollte nicht in das dunkle Zimmer dahinter sehen. Er tat es trotzdem. An der angefrorenen Scheibe hing von wunderschönen Eisblumen umrahmt ein Zettel.

„0“

Er war so fixiert auf diesen Kreis, dass er eines fast nicht bemerkt hatte. Aber nur fast. Das dunkle Zimmer war gar nicht dunkel. Als er an dem Zettel vorbei starrte, sah er einen Schatten an der Wand entlang tanzen. Dann ging das Licht aus. Er verharrte noch den Bruchteil einer Sekunde am Fenster, dann sprintete er aus der Wohnung hinaus, die Treppen hinunter und in die Kälte. Der Winterwind hätte ihn fast von den Füßen gerissen. Er sah sich um. Gerade noch sah er sie wie sie ein Stück weiter hinten in eine Gasse einbog. Er rannte hinterher. Als er um die Ecke bog rief er: „Warte!“ Sie blieb stehen und hob den Kopf. „Du kannst nicht einfach gehen! Ich… ich… ich kenne nicht mal deinen Namen!“ er war bei ihr angekommen und seine Stimme war ganz leise geworden. Als sie ihren Mund aufmachte, hörte er das schönste, das er je gehört hatte. Mit engelsgleicher Stimme sagte sie: „Anna. Aber hör zu. Ich muss gehen, verstehst du?“ „Nein! Ich verstehe gar nichts!“ „Ich gehöre jetzt nicht mehr hier her.“ Er sah sie verständnislos an. „Siehst du?“ entsetzt und fasziniert zu Gleich sah er sie an. Wie ihr ganzer Körper in einem leichten blau zu leuchten begann. Er wollte etwas sagen, konnte aber nicht. „Aber… was… wie kann ich das verhindern?“ „Es tut mir Leid. Aber ich glaube nicht, dass…“ Er wollte das nicht hören. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Er legte all seine Liebe in diesen Kuss, den er sich seit 63 Tagen wünschte. Sie erwiderte ihn, und sie hörten auf, als ihm plötzlich schwindelig wurde. Er kippte zur Seite, fiel auf den Boden, blieb aber auch stehen. Er sah, wie sein Körper auf dem kalten Boden aufkam. Dann sah er seine Hände an, die jetzt in dem gleichen Blau schimmerten wie ihre.

4.10.16 16:29

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